Editorial – ...aber ein noch größerer Mensch...
   
 

„Persönlichkeiten werden nicht durch schöne Reden geformt, sondern durch Arbeit und eigene Leistung."

Albert Einstein

   
  In vielen Kampfkünsten gilt das Schwert als die edelste aller Waffen. Das japanische Katana, im Koreanischen als Pae Do bekannt, nimmt hier einen besonderen Platz ein: Dieses bis ins kleinste Detail ausgedachte Instrument, in seiner edelsten Form Yungu (kor. für immerwährendes Schwert) genannt, ist das Produkt von über Jahrhunderten entwickelten und ausgereiften Künsten der Herstellung und Handhabung. Es ist daher wenig verwunderlich, dass es in seiner schlichten, funktionalen Schönheit und seiner kompromisslosen, kühlen Präzision als die Verkörperung der Ideale des Kriegertums angesehen wird, der sogar eine eigene Seele zugesprochen wird.

Es heißt, dass es des Geistes, des Herzens und der Hände eines Meisters bedarf, um ein vollendetes Schwert zu schmieden. Dafür wird in den richtigen Händen ein solches Schwert das Herz, den Geist und den Körper eines Kriegers zu denen eines wahren Meisters schmieden. Beides braucht Zeit, harte Arbeit und, wichtiger noch, die richtige Einstellung.

Kein Wunder also, dass im Koreanischen ein vollendetes Schwert auch Yeong Gum genannt wird - ein spirituelles Schwert.

Das klingt alles sehr romantisch, doch möge man bedenken, dass bei den Kriegern und deren Erben nichts zur leichten Kost gehört. Diese schöpferische Entwicklung impliziert eben Reifungsprozesse, die man nicht abkürzen kann und die zugleich eine in Verbindung mit den daraus resultierenden Fähigkeiten durchaus notwendige und natürliche Selektion mit sich bringen. Das Recht, ein Schwert führen zu dürfen, ist also zugleich ein Zeichen der Reife des Lernenden.

So etwas ist schwer zu akzeptieren und erscheint wie ein Anachronismus in einer Welt, in der die nächste Akademie oder der nächste Verein nur ein Steinwurf entfernt ist. Wird es also zu mühsam, braucht man nur das nächste Angebot anzunehmen, bis man das bekommt, was man möchte - ohne sich übermäßig anstrengen zu müssen. Die einzige Mühe, die man sich machen muss, ist jene, den richtigen Anbieter zu finden, der einem das ermöglicht, was man so begehrt.

Es gibt nur einen Haken an dieser Sache: In dieser gigantischen Flut an Angeboten sind die wahren Perlen genauso selten, wie sie es schon immer waren. Einen echten Dojang oder Dojo zu finden, einen Raum des Weges, ist gerade dadurch eine echte Herausforderung. Und dabei ist es nur der erste Schritt auf einer langen Reise, denn die beste Schule und der beste Lehrer sind kein Garant dafür, dass wir das, was der Weg der Kampfkunst zu bieten hat, verinnerlichen können.

Viel von dem, was im Dojang vermittelt werden sollte, ist oberflächlich betrachtet sehr ethisch und moralisch eingefärbt, und verleitet daher sehr leicht dazu, daraus ein Gebäude der Lippenbekenntnisse zu machen. Die passende Einstellung dazu zu haben, ohne in die Gelehrigkeit und Missionierung abzugleiten (die beide im Endeffekt gegen die zu vermittelnden Werte verstoßen), ist eine Herausforderung, der man sich als Kampfkünstler, als Lehrer aber vor allen Dingen als Mensch immer wieder stellen muss. Es ist leicht geredet, solange dem Wort keine Tat zu folgen braucht.

Es ist teilweise sehr kurios, wenn Leute behaupten, Ihr Ziel in den Kampfkünsten wäre es, Meister zu werden, oder von sich sagen, sie hätten beschlossen, Krieger zu werden. Man nehme sich ein wenig spirituellen Flair, vermenge es mit etwas mittelmäßiger Kampftechnik, würze es mit viel Rang, Titel und Abzeichen und dekoriere es noch mit einigen schönen Posen, und fertig ist die Fix-Mischung für den schnittigen Wochenendkrieger. Wichtig ist, im Rampenlicht zu stehen und eine gute Figur zu machen, die Erhaltung eines Selbstbildes, dass mit der Realität längst nichts mehr zu tun hat. Es entstehen auf diese Art sehr viele verzerrte Darstellungen, die streckenweise von den Leuten, die sie in die Welt setzen, auch tatsächlich selbst geglaubt werden. Man muss ja immer wieder staunen, wie viel Energie in solcherlei Aktivitäten vergeudet wird.

Mit großem Entsetzen habe ich oft gesehen, und sehe immer wieder, wie solche selbsternannte "Kämpfer", "Krieger", und "Meister" sich abwenden oder in ein sicheres Versteck verkriechen, wenn sie etwas riskieren müssen oder hinter ihren Worten tatsächlich stehen müssen, und damit alles entehren und besudeln, wofür sie stehen sollten. Diese "Paladine" mit ihren überdimensionalen Egos sind immer die ersten, die sich selbst und ihr Hab und Gut in Sicherheit bringen, wenn die Stunde der Wahrheit kommt. Zurück bleiben jene, die alles wieder aus den Trümmern und der verbrannten Erde aufbauen müssen, obwohl sie selbst ausgebeutet wurden.

Feigheit ist eben eine schlimme Sache, besonders wenn niemand da ist, um ihr Einhalt zu gebieten.

Für jemanden gewöhnlichen wie mich ist es schwierig genug, den Menschen, die mir, meiner Erfahrung und meinen Fähigkeiten vertrauen, ein passabler Lehrer zu sein, während ich mich jeden Tag der Herausforderung stellen muss, meinen Lehrern ein dankbarer Schüler zu bleiben, indem ich das, was sie mich lehrten und lehren, in Ehren halte, trotz allen meinen menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten. Es liegt wahrscheinlich im Wesen dieser endlosen, Jahrhunderte alten Kette des Ausgebildetwerdens und Unterrichtens, dass man als Lehrer früher oder später den Fehler macht, mindestens einen solchen falschen "Helden" hervorzubringen, der wohl der Schandfleck ist, der die Obszönität absoluter Perfektion verhindert.

Gerne würde ich glauben, dass es in meinem Fall meine eigene Naivität war, die mich darauf reinfallen ließ, aber Faktum ist, dass es eher meine dumme Eitelkeit war, die mich dazu verleitete, die deutlichen Zeichen zu ignorieren und jemandem Zugang zu etwas zu gewähren, dessen er nicht würdig war und bis heute nicht ist. Das Wissen um die möglichen Folgen dieser Dummheit verpflichtet mich dazu, für Ausgleich zu sorgen, indem ich nach besten Kräften der Gemeinheit die Stirn biete, wenn es um die Werte geht, die man mich gelehrt hat.

Für Andere, aber auch für mich.

Sam Raimi, der Regisseur von "Spider-Man" und "Spider-Man 2", sagte, als man ihn danach fragte, was es für ihn bedeuten würde, einen Superhelden-Film zu drehen, Folgendes:

"Jede Heldengeschichte zeigt uns das Gute, zu dem wir fähig sind. Genau darin liegt der Wert dieser Geschichten. Ich wusste, dass Millionen von Kids sich den Film ansehen würden und zu Spider-Man aufblicken würden... Deswegen hatte ich das Gefühl, dass es sehr wichtig war, der Hauptfigur ein Gefühl für Moral und Verantwortung zu geben. Spider-Man musste dieser Bewunderung auch würdig sein... er musste sich vom egoistischen und kleinmütigen Menschen zu jemandem entwickeln, der seine Fähigkeiten einsetzt, um anderen zu helfen. Es geht nämlich um mehr, als nur die Bösen schlagen zu können."


Das wird oft nicht verstanden, aber es sind nicht die besonderen Kräfte, die einen wahren Helden ausmachen. Keine Technik, keine Waffe, kein Titel oder Medaille, ja nicht einmal ein besonderes Training oder eine besondere Ausbildung an einem geheimen Ort bei einem geheimen Meister machen aus jemandem einen besseren Menschen. Das wäre vielleicht schön, aber viel zu einfach.

Und was hat das mit uns zu tun?

Nun, wenn man hart trainiert und nicht nur viele besondere Fähigkeiten entwickelt, sondern sie auch gut und nach Wunsch steuern kann, ist man vielleicht ein guter Kämpfer (ehrlich gesagt, meistens nicht einmal das), aber noch kein Meister oder Meisterin. Ein Meister bringt einem Werte bei, zeigt einem einen Weg. Nicht nur im Unterricht, sondern auch durch seine Handlungen jeden Tag, innerhalb und außerhalb der Räume der Schule. Er lehrt einen, dass ein großer Mensch für sich alleine steht, aber ein noch größerer Mensch auch für Andere einstehen sollte.

Das meint man, wenn man sagt, dass man den Dojang im Herzen trägt.

Oh nein, ich sehe mich keineswegs als Held oder als Meister. Zu groß ist die Affinität meiner eigenen Seele zu gewissen Aspekten der Dunkelheit, um einer solchen Bezeichnung würdig zu sein. Zu viel Freude habe ich an dieser grimmigen Kreatur in meinem inneren, die im Angesicht der Feigheit zur Höchstform aufläuft. Zu viel Genugtun spüre ich beim Anblick eines weiteren Egomanen, der nicht durch Gewalt, sondern durch den Einsatz von Vernunft, Strategie und Taktik zu Fall gebracht wird und sich im selbst verursachten Trümmerhaufen zu Recht finden muss.

Um ehrlich zu sein glaube ich, dass ein guter Mensch nicht so sein sollte.
Wie könnte ich dann auch nur den Hauch eines Anspruchs darauf erheben, ein Solcher zu sein?

Und dennoch ist diese Art zu agieren unter den gegebenen Voraussetzungen sinnvoll. In ihrer schlichten, funktionalen, kompromisslosen und kühlen Präzision erfüllt sie Ihre Aufgabe, ganz nach dem Geschmack der alten, finsteren Krieger.

Das Jahr 2006 ist nun zu Ende. Es war ein Jahr reichlicher und großer Veränderungen, das ganz im Zeichen der Entfaltung von Dingen stand, deren Ursprünge teilweise einige Jahre in der Vergangenheit liegen. Es war ein sehr bewegtes, ja unruhiges Jahr, aber auch wenn es nicht immer auf den ersten Blick so ausgesehen hat, war es ein gutes und sehr produktives Jahr. Allein schon deswegen, weil sich sehr viele Sachen endlich bewegt haben, die es schon bitter nötig hatten.

Ich persönlich habe in diesem Jahr sehr viel lernen dürfen. Besonders in der zweiten Hälfte des Jahres konnte ich sehr viel erfahren über die Natur der Menschen, über die Werte des Dojang, über Mut, Tapferkeit, Freundschaft und Ehre und traurigerweise auch deren Gegensätze. Aber das Wichtigste ist sicherlich die Erkenntnis der Wichtigkeit dieser Sachen und die Feststellung, wie ich persönlich zu deren Bedeutung stehe.

2006 brachte manchen von uns etwas Selbsterkenntnis. Mögen wir mit diesem wichtigen Werkzeug nun im beginnenden Jahr unseren Geist ein Stückchen mehr zu einem würdigen Yeong Gum schmieden, um der Feigheit und der Gemeinheit weiterhin entgegenzutreten.

Ich wünsche uns allen gutes Gelingen.

Arturo Umaña

 


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